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Russland in Wiesbaden

Reportagen

Nächste EntdeckungsTour
zum Thema "Russland in Wiesbaden"
am 10. Juni 2017, 15.00 Uhr


Russland in Wiesbaden: Griechische Kapelle und Russischer Friedhof

Die goldenen Türme der "Griechischen Kapelle" grüßen von weitem

Von weitem grüßen die fünf Zwiebelkuppeln. Anlässlich des Petersburger Dialogs und des deutsch-russischen Gipfels 2007 neu vergoldet, lenken sie den Blick auf den Neroberg. Wer den Berg besucht, genießt einen atemberaubenden Blick auf die Landeshauptstadt und steht vor einem der bedeutendsten Bauwerke des romantischen Historismus. Jenseits des Touristischen und Kunsthistorischen kann er mehr als 150 Jahren deutsch-russischer Geschichte nachspüren, er begegnet – wie eine Führung programmatisch betitelt ist – „Russland in Wiesbaden“.

Wer vor der Kreuzkuppelkirche aus leuchtend hellem Sandstein steht, sollte niemals vergessen, dass es ein trauriger Anlass war, der zum Bau geführt hat. Ein Medaillon über dem Fürstenportal zeigt die Heilige Elisabeth, Schutzpatronin einer jungen Frau, die im Alter von 19 Jahren bei der Geburt ihres ersten Kindes starb. 1844 hatte Herzog Adolf von Nassau in St. Petersburg die russische Großfürstin Elisabetha Michaelowna Romanowa geheiratet. In Wiesbaden wurde die junge Frau nie heimisch. Sie galt als schwermütig und melancholisch; dass sie krank war, erkannte man nicht. Die Strapazen der Geburt führten zum Tod.

Fast orientalisch - das ehem. Wärterhaus

Um die Zarennichte an geweihter Stätte zu begraben, wurde die Mitgift zum Bau einer Grabkirche verwendet. Damit sie russischen Traditionen folgte, wurde der Rheingauer Architekt Philipp Hoffmann nach Russland geschickt. 1847 begann der Bau auf einem künstlichen Plateau, 1855 war die „Griechische Kapelle“, wie die Wiesbadener ihre russische Kirche nennen, vollendet. In einer nächtlichen Prozession wurden die Särge der Herzogin und ihrer Tochter überführt und beigesetzt.

Wenige Schritte waldeinwärts vorbei am Pfarrhaus der russischen Gemeinde, haben mehr als 2000 Russen und Angehörige des orthodoxen Glaubens ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ein Drittel von ihnen entstammt dem alten Russland vor der Revolution. Die erste Beisetzung erfolgte 1856 unmittelbar nach der Einweihung des Friedhofs; der junge Diplomat war an Schwindsucht gestorben. Andere erreichten ein biblisches Alter: schwerreiche russische Prinzessinnen, Fürstinnen, Diplomaten, Offiziere, Regierungsbeamte, Großbürgerliche, die ihren Lebensabend in Westeuropa und in der Weltkurstadt verbrachten.

Die Crème der Zarenzeit - Grabmäler auf dem Russischen Friedhof

Nach den Angehörigen der zaristischen Oberschicht kamen die Emigranten, die es in der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr nach Russland zu einem vermeintlich vorübergehenden Aufenthalt in die Weltkurstadt zog. Die, die folgten, waren zumeist auf der Flucht: vor der Roten Armee und den stalinistischen Säuberungen. Displaced Persons, die zumeist als Zwangsarbeiter nach Deutschland gekommen waren und nicht in ihre Heimat zurück wollten und konnten; „Opfer wirrer Zeiten“ steht auf einem Grabstein. Exilrussen, die oft mehrfach vor den Sowjets geflohen waren. Der berühmteste „Bewohner“ des Friedhofs ist Alexej von Jawlensky, der seit 1921 in Wiesbaden lebte und 1941 nach langer Krankheit verstarb.

Auch wenn dem ältesten russischen Friedhof in Deutschland der morbide Charme eines orthodoxen Père Lachaise anhaftet, der Friedhof ist kein Museum. Hier begräbt die orthodoxe Gemeinde ihre Toten. Da eine Wiederbelegung der Gräber nicht zulässig ist, musste der Friedhof wiederholt erweitert werden, bereits zehn Jahre nach der Einweihung und zuletzt in den 1970er Jahren, als die Gemeinde immer mehr schrumpfte und zeitweise keinen eigenen Priester mehr hatte. Die politischen Umwälzungen im Osten Europas haben dazu geführt, dass auch die orthodoxe Gemeinde wieder im Wachsen begriffen ist.

Russische Trauer

Wie viele Mitglieder die Gemeinde zählt, weiß niemand genau zu sagen. Die Gemeinde ist ein lockerer Zusammenschluss von Gläubigen, eine Grenze zwischen der Gemeinde und der russisch-stämmigen Bevölkerung kaum zu ziehen. Da sich die Gemeinde nicht über Steuern finanziert, fehlen statistische Unterlagen. Mitglied der Gemeinde ist, wer am Gemeindeleben und an den Gottesdiensten teilnimmt. Den „harten Kern“ kennt der Pope persönlich.

Wer den Kirchenraum betritt, ist beeindruckt von der marmornen Pracht des Inneren und dem Grabmal der Herzogin, dem Sarkophag der preußischen Königin Luise nachempfunden. Bisweilen auch ein wenig benommen von den Weihrauchschwaden, die den Raum erfüllen. Nie war die Kirche nur Grabkirche, sondern immer auch Gotteshaus der russischen Gemeinde. Eine Ikonostase in schönster Renaissance-Manier trennt den Versammlungsraum der Gemeinde vom Allerheiligsten, ein Gestühl vermisst man ebenso wie eine Orgel.

Und niemand sollte sich wundern, wenn – zumal am Samstagabend oder am Sonntagmorgen – Hinweisschilder vor dem Eingang darauf hinweisen, dass Touristen während des dreistündigen Gottesdienstes ausdrücklich nicht erwünscht sind. Auch wenn die Eintrittsgebühren ein wichtiger Beitrag zur Finanzierung und zur Erhaltung der Kirche sind – das „Entzücken der Wiesbadener“, wie Alfons Paquet die Kirche nannte, ist eben doch mehr als ein „Point of Interest“, sie ist der religiöse Mittelpunkt einer sehr lebendigen Kirchengemeinde.

Rainer Niebergall


Mit leichten Kürzungen abgedruckt in FRIZZ DAS MAGAZIN für Mainz, Wiesbaden und Umgebung, Dezember 2011

Nachdruck, auch auszugsweise, nach Absprache und mit schriftlicher Genehmigung.


Rainer Niebergall – KulTour & Mehr
Stadtführungen, Stadtgeschichte, Planung, Organisation & Management

Mitglied im Bundesverband der Gästeführer in Deutschland e. V.
Taunusstraße 57 • 65183 Wiesbaden • Telefon 0611 507427 • Email: Info@KulTour-und-Mehr.de

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