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Filmstadt Wiesbaden

Reportagen


Hollywood am Kochbrunnen - die Filmstadt Wiesbaden

Am 24. Juni 1948 sperrten die Sowjets die Zugangswege nach West-Berlin zu Land und zu Wasser und antworteten damit auf die tags zuvor auf die Westsektoren Berlins ausgedehnte Währungsreform der Westalliierten. 2,2 Millionen „Insulaner“ mussten aus der Luft versorgt werden.

Die Blockade zwang zu Umorientierungen, auch die wieder anlaufende deutsche Filmindustrie war betroffen. Neben Babelsberg und Johannisthal (in der sowjetischen Zone) gehörten zur ehemals reichseigenen UFA auch München-Geiselgasteig sowie das Kopierwerk der AFIFA in Berlin-Tempelhof. Da dessen Ausbau während der Blockade nicht erwünscht war, verlangten die Amerikaner die Errichtung eines Auffangbetriebs in der amerikanischen Zone. Damit kam Wiesbaden ins Spiel.

Oberbürgermeister Redlhammer (1891-1980)

Oberbürgermeister Hans Heinrich Redlhammer setzte sich nachhaltig für den Wiederaufbau Wiesbadens ein und erkannte, dass mit Kurgästen allein das Trümmerdasein nicht zu überwinden war. „Rauchfreie Industrie“ sollte die wirtschaftliche Basis der Stadt ergänzen, womit neben Versicherungen, Verlagen und Kongressen auch die Filmindustrie in den Fokus geriet.

Auf städtischem Gelände entstand eine Kopieranlage und zudem in einer umgebauten Reithalle ein hochmodernes Aufnahmestudio, dem weitere folgen sollten. Ziel war es, bis zu acht Filmen pro Jahr drehen zu können und eine Entwicklung einzuleiten, die „Wiesbaden als eine der bedeutendsten Filmstädte des Westens sehen wird“.

Rühmanns Wiesbadener Domizil in der Bahnhofstraße

Die persönlichen Kontakte des Oberbürgermeisters bewirkten, dass sich die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), das Deutsche Institut für Filmkunde und die Filmbewertungsstelle in Wiesbaden ansiedelten. Mit zwei geliehenen Projektoren nahm die Filmselbstkontrolle (FSK) im Biebricher Schloss ihren Betrieb auf. Geradezu euphorisch äußerte er sich, als der erste in Wiesbaden hergestellte Nachkriegsfilm „Mordprozess Dr. Jordan“ im Oktober 1949 uraufgeführt wurde. Den Film, der einen Justizirrtum thematisierte, produzierte Heinz Rühmann, dessen Produktionsfirma „Comedia“ in einem Hotel in der Bahnhofstraße einen Geschäftssitz unterhielt.

Filmkulisse am Michelsberg: Wenn der weiße Flieder wieder blüht

Rühmanns Firma endete 1953 im Konkurs und steht damit symptomatisch für die Krise der deutschen Filmindustrie unmittelbar nach Gründung der Bundesrepublik. Nicht mehr Lizenzen waren entscheidend, sondern Ausfallbürgschaften; Berlin, Hamburg und München zeigten sich großzügiger als das vergleichsweise zurückhaltende Hessen. Die mit 1800 qm Atelierfläche dritt-leistungsfähige Anlage der Republik blieb ungenutzt. Nochmals setzte sich der umtriebige Oberbürgermeister für Bürgschaften ein; die beabsichtigten Internationalen Filmfestspiele gingen freilich nach Berlin und starteten 1951 als BERLINALE.

Die erste Garde der UFA-Stars stand vor der Kamera, als Hans Deppe 1953 die Außenaufnahmen für „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ im Nerotal, auf dem Neroberg, am Michelsberg und im Rheingau drehte; weil kein Flieder mehr blühte, mussten im Kurpark Attrappen aufgestellt werden. Magda Schneider protegierte die Karriere ihrer Tochter Rosemarie – die erste Filmrolle für Romy Schneider und zudem den jungen Götz George.

Film-Illustrierte 1954

Star des 1954 von Harald Reinl gedrehten Films „Rosen-Resli“ war die achtjährige Christine Kaufmann. Mit dem Satz „Himmlisch, Frau Chefin, einfach himmlisch“ startete eine Wiesbadenerin in eine große Karriere. Im gleichen Jahr noch heiratete Kätherose Derr den Regisseur und war danach in zahlreichen Karl-May- und Edgar-Wallace-Filmen zu sehen, unter ihrem Künstlernamen Karin Dor zudem als erstes deutsches James-Bond-Girl an der Seite von Sean Connery in „Man lebt nur zweimal“.

Überall in der Stadt wurde gedreht; für William Dieterle war das Staatstheater mal Münchner Hofoper und mal Pariser Oper; für den „Ball der Nationen“ mit Zsa Zsa Gabor verwandelte sich der Friedrich-von-Thiersch-Saal des Kurhauses in eine russische Botschaft. „Bonjour Kathrin“, Ende 1955 mit Caterina Valente und Peter Alexander gedreht, war der „perfekte Schmalz der 1950er Jahre“ und zugleich eine der erfolgreichsten und letzten Wiesbadener Produktionen.

In der deutschen Filmindustrie waren Überkapazitäten entstanden, zudem nahm die Entflechtung der UFA 1955 konkrete Gestalt an. Das Bavaria Filmgelände und die Universum Film wurden verkauft, in Berlin die UFA neu gegründet. Wiesbaden sollte von Tempelhof getrennt werden. Das Ringen um den Verkauf des Wiesbadener Standorts an die Taunus-Film zog sich bis 1959 hin.

ZDF Logo 1962

Während das Kopierwerk und die Synchronstudios auf Hochtouren liefen, kam die Filmproduktion fast vollständig zum Erliegen. „Unter den Eichen“ produzierte seit 1960 der Hessische Rundfunk und seit 1964 das Zweite Deutsche Fernsehen, das nach einem Jahr Sendebetrieb in „Telesibirsk“ Eschborn ein „besseres Provisorium“ suchte und 20 Jahre lang aus Wiesbaden sendete.

Das Murnau Filmtheater im Deutschen Filmhaus in der Murnaustraße

2009 haben die FSK, filmkulturellen Einrichtungen, Interessenvertretungen aus der Filmwirtschaft sowie Film- und Medienunternehmen im Deutschen Filmhaus in der Murnaustraße eine neues Domizil gefunden, Unter den Eichen ist der Fachbereich Design, Informatik, Medien der Hochschule RheinMain mit etwa 2.000 Studierenden beheimatet. Vor Wiesbadener Kulisse löste seit 1981 Claus Theo Gärtner den „Fall für Zwei“ und ermittelt seit 2005 „Der Staatsanwalt“ alias Rainer Hunold. Ganz großes Kino, das die Gemeinde freilich heftig spaltete, bot im Oktober 2014 der Tatort „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Felix Murot, als bei den Klängen von Verdis „Va pensiero“ und kommentiert durch Shakespearesche Blankverse unter Verwendung von Unmengen an Theaterblut um das Kurhaus ein Gemetzel biblischen Ausmaßes stattfand.



Rainer Niebergall, 2014


Mit leichten Kürzungen abgedruckt in FRIZZ DAS MAGAZIN für Mainz, Wiesbaden und Umgebung, Dezember 2014

Nachdruck, auch auszugsweise, gerne nach Absprache und mit schriftlicher Genehmigung.


Rainer Niebergall – KulTour & Mehr
Stadtführungen, Stadtgeschichte, Planung, Organisation & Management

Mitglied im Bundesverband der Gästeführer in Deutschland e. V.
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