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Freistaat Flaschenhals

Reportagen


Ob Kloster Eberbach, Eltville, Rüdesheim, Lorch oder andere Ziele im Rheingau - im Rahmen unserer "Exkursionen" begleiten wir Sie gerne und organisieren gemeinsam mit unseren Partnern im Rheingau gerne Weinproben für Sie und Ihre Gäste - Sprechen Sie uns an!


Ein Kuriosum der Weltgeschichte - der "Freistaat Flaschenhals"

Die Kreise überlappten sich nicht - der "Flaschenhals"

Im Sommer 2014 jährt sich der Ausbruch des ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Nach mehr als vier Kriegsjahren, unermesslichem Leid und Millionen von Kriegstoten auf beiden Seiten wurde am 11. November 1918 in einem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne der Waffenstillstand unterzeichnet, der den beendete.

Unbeabsichtigt ergab sich aus Artikel V. des Vertrags ein historisches Kuriosum: der „Freistaat Flaschenhals“. Die Bestimmungen sahen nämlich die Besetzung Deutschlands bis zum Rhein vor und darüber hinaus die Einrichtung von rechtsrheinischen Brückenköpfen gegenüber von Mainz, Koblenz und Köln. Die Grenzen dieser Brückenköpfe wurden ermittelt, indem mit dem Zirkel Kreise mit einem Radius von 30 km um die Hauptorte gezogen wurden. Eigentlich hätten sich diese Kreise überlappen sollen.

50 Pfennig - Notgeld im "Freistaat Flaschenhals"

Irgendjemand hatte sich verrechnet: ein Streifen zwischen der US-amerikanischen Zone um Koblenz und der französischen Zone um Mainz gehörte keiner Zone zu. Er erstreckte sich vom Rhein bis in den Taunus und war an der schmalsten Stelle nur 800 Meter breit, die Form erinnerte an einen Flaschenhals. Das Gebiet blieb unbesetzt, war aber auch vom unbesetzten Deutschland abgeschnitten. Da die Hoheitsgewalt der bisherigen Kreisverwaltungen an den Zonengrenzen endete, trat verwaltungstechnisch ein „Notstand“ ein. Zwar übertrug der Kasseler Regierungspräsident die Verwaltung auf den Landrat der nächstgelegenen unbesetzten Kreisstadt Limburg – aber auch dorthin waren die Verbindungen gekappt.

Gravierender für die 17.000 Bewohner waren die Versorgungsengpässe. Die Rheinstädtchen Lorch und Kaub sowie etwa 30 Gemeinden im Taunus waren von der Außenwelt abgeschnitten, die Grenzen hermetisch abgeriegelt. Die vorhandenen Straßen- und Eisenbahnverbindungen waren gesperrt, durchfahrende Züge hielten nicht mehr, eine Versorgung über den Rhein oder aus der Luft war auch nicht möglich. Der tägliche Austausch von Waren, Geld und Informationen war unterbunden. Über Feldwege, Wiesen und Waldschneisen beförderten Bauernkarren Lebensmittel und Post; das Taunusdörfchen Laufenselden war zeitweise der Hauptumschlagplatz. Notgedrungen wurde geschmuggelt und geschoben. Im Schutz der Dunkelheit trieben Bauern Rinder über die Grenze, Winzer schleusten Kohlen in den Freistaat. Bezahlt wurde mit Wein und Schnaps. Manchmal waren auch drastische Maßnahmen erforderlich: eines Nachts wurde in Rüdesheim ein mit Kohle beladener französischer Zug gekapert, um Kohle zum Heizen zu beschaffen.

Die Besetzung durch französische Truppen - Ende des "Freistaats"

Weil der Landrat keinen Einfluss ausüben konnte, beauftragte er den Lorcher Bürgermeister Edmund Pnischeck mit der Verwaltung. Als das Wirtschaftsleben völlig zusammenzubrechen drohte, ließ Pnischeck eigenes Notgeld für den Freistaat drucken.

Französischen Ambitionen, sich den unbequemen „Flaschenhals“ einzuverleiben, wirkte die Waffenstillstandskommission entgegen; die Ruhr-Besetzung wegen ausbleibender deutscher Reparationszahlungen machte dem „Freistaat“ im Februar 1923 ein Ende; französische Truppen besetzten das Gebiet und nahmen den renitenten Bürgermeister gefangen. Die Bevölkerung reagierte mit passivem Widerstand. Bis zum Abzug der Besatzungstruppen 1930 amtierten in Lorch 12 Bürgermeister; Amtspersonen, die sich den Anordnungen widersetzten, wurden abgesetzt und entweder arretiert oder des Landes verwiesen. Neben den Bürgermeistern traf dieses Schicksal auch drei Post- und vier Bahnbeamte.

75 Jahre nach seiner Gründung haben Lorcher und Kauber Winzer und Gastronomen den „Flaschenhals“ neu belebt – sie schlossen sich 1994 zu einer „Freistaat Flaschenhals Initiative“ (FFI) zusammen, mit einem Präsidenten, einem Auswärtigen Amt und je einem Ministerium für Inneres, für Wirtschaft sowie für Technologie und Internet.

Der "Freistaat" heute - Das Flaschenhalslogo wirbt für die Region

Mit Wein werben viele, aber ein „Flaschenhals“ ist einmalig – und so dient die Bezeichnung „Freistaat Flaschenhals“ der Tourismusförderung. Gebietstypische Weine, Sekte, Edelbrände und Speisen können mit einem Freistaat-Logo versehen werden. Nicht jeder Wein ist automatisch „Flaschenhals“-Wein – nur die Weine von Mitgliedern, die einer strengen Prüfung standhalten, werden ausgezeichnet. Beim inzwischen berühmten „Flaschenhals“-Menü wird jeder Gang in einem anderen Restaurant gereicht. Zahlreiche Hinweise, Schilder und Wappen erinnern an den am 10. Januar 1919 ausgerufenen „Ministaat“. Wer Mitbürger werden will, stellt ein stets wohlwollend entgegengenommenes Einbürgerungsgesuch und erhält einen Pass. Der mag an der einen oder anderen Grenze nicht für vollwertig betrachtet werden – im „Freistaat Flaschenhals“ hingegen genießt der Inhaber eine Vielzahl von Vergünstigungen und jede Menge Spaß.





Rainer Niebergall, 2014


Mit leichten Kürzungen abgedruckt in FRIZZ DAS MAGAZIN für Mainz, Wiesbaden und Umgebung, Mai 2014

Nachdruck, auch auszugsweise, gerne nach Absprache und mit schriftlicher Genehmigung.


Rainer Niebergall – KulTour & Mehr
Stadtführungen, Stadtgeschichte, Planung, Organisation & Management

Mitglied im Bundesverband der Gästeführer in Deutschland e. V.
Taunusstraße 57 • 65183 Wiesbaden • Telefon 0611 507427 • Email: Info@KulTour-und-Mehr.de

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