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Kunsthandlung Reichard

Reportagen

Treffpunkt für die Führungen durch die Taunusstraße von Kultour & Mehr

Samstag, 2. September - 17.00 h
Sonntag, 3. September - 11.00 h und 14.00 h


Hofvergolder und Hoflieferant
- Kunsthandlung Hermann Reichard in der Taunusstraße

Seit mehr als 130 Jahren werden in der Wiesbadener Taunusstraße hochwertige Einrahmungen und Vergoldungen gefertigt. Bis ins Dreikaiserjahr 1888 reicht die Tradition der „Kunsthandlung Hermann Reichard“ zurück, die der Inhaber Horst Reichard nunmehr in der vierten Generation führt – in einem Haus, das selbst Wiesbadener Geschichte erzählt.

Das Haus in der Tauusstraße 18

Bis etwa 1840 war die Taunusstraße nur einseitig bebaut. Ab 1818 waren binnen weniger Jahre einfache Häuser auf der stadtabgewandten Nordseite entstanden; die Südseite blieb von Bebauung frei und diente den Kurgästen zu Promenaden um die klassizistische Badestadt. Auf dieser Süd- und Promenadenseite war das biedermeierliche Fachwerkhaus, heute die Nummer 18, eines der ersten Häuser.

Damals floss der Neresbach noch durch die Landschaft; er wurde überwölbt und unter dem heutigen Ladenbereich hindurchgeleitet. Als der Bach wenige Jahre später in Rohre verbannt und unter die Straße verlegt wurde, konnte auch diese Straßenseite in größerem Stil bebaut werden. Um in den Hof des Anwesens zu gelangen, steigt man eine Treppe hinab und bemerkt, dass der frühere Talgrund etwa zwei Meter unter dem Niveau der Straße lag.

1874 verkaufte der Besitzer Prieser das Haus an einen Herrn Biebricher, der ein Lager für Korkstopfen und ein Exportgeschäft für Zigarren einrichtete. Das Haus wurde umgebaut und im Erdgeschoss entstand ein Ladenlokal mit zwei Schaufenstern. Jenes erwarb 1882 der „Hofvergolder, Lackierer und Schildschreiber“ Franz Xaver Alsbach für sein 1858 gegründetes Unternehmen.

Vormals Hoflieferant Sr. königl. Hohet des Landgrafen von Hessen

Bereits 1888 übernahm der Vergolder und Spiegelhändler Heinrich Reichard das Geschäft und firmierte fortan als „H. Reichard vormals Rahmen-Fabrik F. Alsbach Hofvergolder Sr. Hoheit des Herzogs von Nassau“ und „Hoflieferant Sr. königl. Hoheit des Landgrafen von Hessen“. Aus dieser Zeit stammen zwei großformatige Reklametafeln, von denen niemand genau weiß, ob sie die Taunusstraße oder eher die Filiale am Wiesbadener Michelsberg schmückten.

Auf Heinrich Reichard folgte 1914 sein Vetter Hermann; die Zeiten wurden schwieriger. Der Erste Weltkrieg markiert das Ende der großen Zeit Wiesbadens als Weltkurstadt und damit auch der aufwendigen Vergoldungen, Spiegel und Rahmungen. Dass der Vater des heutigen Inhabers 1950 den Betrieb übernahm, war den Zeitläufen geschuldet, denn die Familie lebte in Dessau. Nach dem Zweiten Weltkrieg aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen, kehrte Kurt Reichard nicht in die sowjetische Zone zurück, sondern fand Zuflucht bei seinem Onkel in Wiesbaden. Als Soldat hatte er seine Banklehre nicht regulär abschließen können; beim kinderlosen Hermann Reichard erlernte er das Rahmen von Bildern.

Das Rahmenlager von Heinrich Reichard vor 1914

Bildeinrahmer war damals noch ein Ausbildungsberuf, berichtet Horst Reichard, heute erlernen es Glaser, Buchbinder und Vergolder. Auch die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Während Vergoldungen mangels Nachfrage schon 1914 weitgehend aufgegeben wurden, besteht heute nicht mehr der Bedarf an Einrahmungen wie früher. Die Menschen ziehen öfter um und sie dekorieren ihre Wohnungen immer wieder neu. Wer wirklich noch Bilder rahmen will, findet im Möbelmarkt oder im Internet Angebote, deren Preise nicht einmal die Materialkosten eines hochwertigen Bilderrahmens decken.

Das gut geschulte Team des Heinrich Reichard mit Hund Wiedu

In seiner Werkstatt zeigt Horst Reichard seine alten Maschinen zum Zuschneiden von Glas, Leisten und Passepartouts; eine computergestützte Maschine ist gebraucht hinzugekommen. Im Lager werden die teils selbst gefrästen Leisten aufbewahrt, darunter Bestände, die noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammen. Wie aufwendige Rahmen hergestellt oder restauriert werden, zeigt Horst Reichard eine Treppe höher. In den Regalen befinden sich über 500 Formen, alle vor 1914, um Abdrücke für Applikationen herstellen zu können. Und diese Ausnahmerahmen müssen dann auch vergoldet werden. Restaurierungen alter Rahmen oder Gemälde (in Zusammenarbeit mit einer Restauratorin) oder Arbeiten für Museen ergänzen heute das Angebot.

Zurück im Hof bietet sich noch derselbe Anblick wie auf einem alten Foto, das Heinrich Reichard um 1910 im Kreise seiner Mitarbeiter zeigt. Zu sehen ist dort auch der Hund des Hauses mit Namen „Wiedu“. Und das Gelächter war jedes Mal groß, wenn jemand fragte, wie der Hund denn heiße.

Rainer Niebergall


Mit leichten Kürzungen abgedruckt in FRIZZ DAS MAGAZIN für Mainz, Wiesbaden und Umgebung, März 2015

Nachdruck, auch auszugsweise, nach Absprache und mit schriftlicher Genehmigung.


Rainer Niebergall – KulTour & Mehr
Stadtführungen, Stadtgeschichte, Planung, Organisation & Management

Mitglied im Bundesverband der Gästeführer in Deutschland e. V.
Taunusstraße 57 • 65183 Wiesbaden • Telefon 0611 507427 • Email: Info@KulTour-und-Mehr.de

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