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Jagdschloss Platte

Reportagen


Fürstliche Leidenschaft und bürgerschaftliches Engagement

„Platea“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie „breite Straße“. Wer sich auf der Bundesstraße 417 aus Wiesbaden in Richtung Taunus bewegt, nutzt einen uralten Handelsweg, der den römischen Badeort mit dem Limburger Becken verband. Nach einigen alpinen Kilometern und 400 Metern Höhenunterschied ist der Taunushauptkamm erreicht. Hinweisschilder weisen auf ein Ausflugsziel hin, das von der Straße aus leicht übersehen wird: das ehemalige Jagdschloss Platte, eine der bemerkenswertesten Bauschöpfungen des Klassizismus.

Jagdschloss Platte

Seit 1744 residierten die Fürsten von Nassau-Usingen am Rhein und bauten sich zunächst ein einfaches Jagdschlösschen bei der Fasanerie, danach bevorzugten sie die Jagdgebiete auf der Höhe. In der Nachbarschaft eines Forsthauses entstand dort 1777 ein erstes fürstliches Jagdhaus. Für die Untertanen war dieses Gebiet seit dem 15. Jahrhundert ein „verbotener Wald“: sie durften kein Gras mähen, den Wald aus Rücksicht auf die Jungtiere im Mai nicht betreten und während der Sauhatz keine Eichelmast betreiben. Die Wälder rund um die Platte waren nassauisches Jagdrevier. Jagen war fürstliche Leidenschaft, für die Untertanen jedoch eine Belastung, an der sich Revolutionen entzündeten. Auch das Jagdhaus auf der Platte wurde im Zusammenhang mit der französischen Revolution verwüstet.

1822 beauftragte Herzog Wilhelm seinem Hofbaudirektor Friedrich Ludwig Schrumpf mit einem neuen Jagdschloss, das es buchstäblich in sich hatte. Angeregt von den italienischen Landvillen eines Andrea Palladio entwarf Schrumpf einen kubischen Baukörper mit drei Geschossen über einem Sockelgeschoss; abgeschlossen durch ein Pyramidenstumpfdach, das eine begehbare Aussichtsplattform trug. 54 Räume barg der Bau; die Räume angeordnet um eine zentrale Rotunde, die Schrumpfs originäre Schöpfung war. Inspiriert von Vorbildern aus der Renaissance führte eine gegenläufig geschraubte zweifache Treppe ins Obergeschoss. Zwölf schlanke Säulen aus Lahnmarmor umstanden die Galerie. Eine kassettierte Kuppel geschmückt mit 200 Geweihen schloss den Raum ab, dem eine Öffnung in der Decke Licht spendete.

Jagdschloss Platte um 1860 - Stadtarchiv Wiesbaden

Das Inventar nennt 296 Stühle, 64 Betten, 29 Sofas und einiges mehr, vieles davon aus Hirschgeweih hergestellt. Das Schloss besaß eine effektive Heizung und „englische Abtritte“ mit Wasserspülung – die ersten im Herzogtum, mit deren Handhabung sich mancher schwer tat. Immer wieder rückte ein Mechaniker Stumpf aus Mainz an, um verstopfte Rohre zu reinigen. Er befand, dass „die Leute auf der Platte mit den dortigen englischen Abtritten entweder nicht umzugehen wissen oder solche aus Spielerey oder Mutwillen verderben, besonders aber allerhand Zeug in dieselbe geworfen haben“ – der Dienerschaft „vom Lakaien abwärts“ wurde die Benutzung der Toiletten in den oberen Etagen fortan untersagt.

Der Bauherr Herzog Wilhelm zu Nassau

Wenn die Herrschaft nicht anwesend war, führte der Kastellan gegen Gebühr Besucher durch die Räume. Was sie sahen, ist nur unzureichend dokumentiert. Am 2. Februar 1945 versank das Schloss in Schutt und Asche. Was brauchbar oder nützlich schien, bargen Menschen aus den Trümmern, danach holte sich die Natur den Ort zurück. Hecken wie im Märchen umgaben das zerfallende Gemäuer, im Inneren wuchsen die Bäume in den Himmel.
Die Ruine war sich selber überlassen und drohte gänzlich einzustüzen; Planungen für eine Sicherung oder gar Instandsetzung gab es nicht. Hier setzte bürgerschaftliches Engagement an. Die 1975 ins Leben gerufene Erich Haub-Zais-Stiftung setzte sich nachhaltig für das Schloss ein und stellte 1985 erste Pläne für eine Sanierung vor. 1987 konstituierte sich ein Verein, der sich den Wiederaufbau auf die Fahnen geschrieben hatte. Gestrüpp wurde entfernt, Bäume gefällt, Schutt beseitigt, Bauteile gesichert. Bis 1991 wurden die Außenmauern stabilisiert, Decken eingezogen, Treppen hergestellt – und das Schloss der Öffentlichkeit zurückgegeben.

Die Dachkonstruktion von Hans-Peter Gresser

Da die Erhaltung dachloser Ruinen aufwendig und die Nutzung eingeschränkt ist, begann 2002 der kniffligste Abschnitt des Wiederaufbaus, der bis heute manchen Wiesbadener irritiert. Der Wiesbadener Architekt Hans-Peter Gresser entwarf ein aus vier Pyramiden bestehendes gläsernes Dach, das er umkehrte. Über einer Stoßfuge aus Glas ragt das moderne Dach über den historischen Baukörper hinaus. Während die Treppenanlage rekonstruiert wurde, signalisiert das Dach, das wir es mit einer Ruine zu tun haben. Alt und Neu treten in einen Dialog ein.

Die Hirsche von Christian Daniel Rauch

Zuletzt kehrten die von Christian Daniel Rauch geschaffenen Hirsche zurück – nicht als Originale, denn diese hatte sich das luxemburgische Großherzogshaus 1913 beim Verkauf vorbehalten. Nach den Originalen wurden Kopien angefertigt – das Vorbild eines der Hirsche soll Herzog Wilhelm höchstselbst geschossen haben.

Als ausgefallener Veranstaltungsort für Firmen- und Familienfeiern, Tagungen oder Präsentationen ist das Jagdschloss Platte sehr beliebt, öffentlich zugänglich ist es leider nicht. Doch seine Lage, herrliche Spazier- und Wanderwege, eine atemberaubende Aussicht, ein Minigolf- und ein Spielplatz und nicht zuletzt ein Restaurant lohnen den Weg allemal. Und wer die Platte nicht motorisiert bezwingen möchte, den lockt ein Fußweg aus dem Wiesbadener Nerotal durch den Rabengrund auf die Höhe … und das noch viel schöner als mit dem Auto.


Rainer Niebergall, 2014

Informationen und Buchungen für Veranstaltungen ausschließlich über Das Kurhaus Wiesbaden. Besichtigung nur im Rahmen von Führungen nach Voranmeldung – Kontakt: Tourist Service Wiesbaden oder KulTour & Mehr.



Mit leichten Kürzungen abgedruckt in FRIZZ DAS MAGAZIN für Mainz, Wiesbaden und Umgebung, April 2014

Nachdruck, auch auszugsweise, nach Absprache und mit schriftlicher Genehmigung.


Rainer Niebergall – KulTour & Mehr
Stadtführungen, Stadtgeschichte, Planung, Organisation & Management

Mitglied im Bundesverband der Gästeführer in Deutschland e. V.
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