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Das Schiffchen

Reportagen


Ein Schiffchen mitten in Wiesbaden

Zugegeben kein wirkliches. Doch wer die Dinge bei Google oder im Stadtplan betrachtet, der sieht zwei Straßen, die von der Marktstraße ausgehen, auseinander laufen und ein paar hundert Meter weiter an der Goldgasse wieder zusammen kommen. Die Form lässt an ein Schiffchen denken, oder ein Bötchen. Die Rede ist vom Altstadtschiffchen in der Wiesbadener Innenstadt.

Historisch gesehen bewegen wir uns im Wiesbadener „Flecken“, der von Handwerkern und Händlern besiedelten Vorstadt. Die „Stadt“, das war bis ins 16. Jahrhundert der ummauerte Burgbezirk um das heutige Schloss, das Rathaus und die Marktkirche. Von Mainz kommend, betrat man die Stadt durch ein Tor in Höhe des Dernschen Geländes und verließ sie am oberen Tor, dem Uhrturm. Diesem wurde sein gotischer Bogen zum Verhängnis; 1873 wurde das „Verkehrshindernis“ beseitigt. Die Bürger protestierten – vergebens. Die Turmspitze wanderte ins Museum. Auch das ist Historismus: man liebte es, in historischen Stilen zu bauen, und entsorgte das Historische.

Der Abriss des Uhrturms und einiger Häuser machte den Weg frei für die Anbindung der Grabenstraße an die Marktstraße und formte damit den Schiffsbug. Denn zuvor war die Grabenstraße eine Sackgasse entlang des alten inneren Stadtgrabens, der zugeschüttet wurde und den schmalen aber tiefen Grundstücken an der Wagemannstraße Zufahrt und Gartengelände bot. Wer hierhin gelangen wollte, nutzte sogenannte „Reulchen“. Abgeleitet vom französischen „ruelle“ – winzige Gässchen, manche nur wenig mehr als einen Meter breit.

Hinweisschilder weisen den Weg in die „Altstadt“, wo die Gassen noch ihren krummen Lauf haben und die ältesten Häuser stehen. Das Schiffchen ist dasjenige Gebiet in der Wiesbadener Innenstadt, das den Altstadtcharakter am besten behauptet hat. Denn wirklich Altes findet der Besucher in der Stadt des Historismus kaum.

Blick in die Häfnergasse mit den "Zwei Böcken" (Sammlung Schaller)

Blick in die Häfnergasse, im Vordergrund die "Zwei Böcke". Historische Ansichtskarte. Quelle: Sammlung Schaller

Mehrere Stadtbrände haben die Stadt heimgesucht, der dreißigjährige Krieg hinterließ eine Trümmerwüste, nur wenige Einwohner hatten überlebt. Den planmäßigen Wiederaufbau trieb der nassauische Fürst Georg August Samuel Ende des 17. Jahrhunderts voran. Neue Straßen wurden angelegt, die Stadtbefestigung erweitert. Ein barockes Konjunkturprogramm lockte Bauwillige mit Abgabenfreiheit. Die norditalienische Familie Cetto folgte dem Ruf und baute 1728 ein Haus in der Wagemannstraße 7, heute das älteste erhaltene Wohnhaus der Innenstadt. Die Arkaden im Erdgeschoss deuten darauf hin, dass hier Handel betrieben wurde. Die Familie ließ sich nach Jahren im Hausierhandel mit einem Laden für landwirtschaftliches Gerät und Eisenwaren für den Haushalt in Wiesbaden nieder. Auch andere Häuser weisen die charakteristischen Arkaden auf. Die Wagemannstraße war eine Einkaufsstraße – sie wurde zeitweise als „Krämergasse“ bezeichnet.


Bevor sie zur „Krämergasse“ wurde, war es die „Judengasse“. Sieben jüdische Familien lebten 1724 in Wiesbaden; hier hatten sie ihre Synagoge, bis diese 1730 in die Spiegelgasse verlegt wurde. Später hieß sie „Metzgergasse“ nach den Metzgern, die die Straße bevölkerten. Sie nutzten das heiße Wasser des Bäckerbrunnens ganz praktisch, um das Fleisch und die Würste zu brühen. Wo heute der putzig-neobarocke Bäckerbrunnen steht, befand sich bis 1884 das Wiesbadener Schlachthaus – mitten in der Stadt. Der Name des Brunnens verweist zudem auf die Bäcker, die es zahlreich gab und die mit dem salzhaltigen Thermalwasser ihren Sauerteig ansetzten. Und es gab Mühlen, in denen das Getreide gemahlen wurde, angetrieben durch das Wasser des Dendelbachs, der lange Zeit offen und seit dem 19. Jahrhundert gedeckt durch die Gasse floss.

Eine der Mühlen war die Kimbelmühle – sie befand sich etwa dort, wo heute der abweisende Betonklotz eines Kaufhauses für Sportartikel die Stimmung empfindlich stört. Die Mühle gehörte im 19. Jahrhundert einem gewissen Jean Baptist Wagemann; angeschlossen war eine Brotfabrik, die den Handel mit Brot belieferte. Gegen sie und ihren Besitzer richtete sich die Wut der Handwerksgesellen, Tagelöhner und Arbeiter, als in den Boomjahren nach der Reichsgründung die Preise für Grundnahrungsmittel empfindlich stiegen, während die Löhne stagnierten und immer mehr ungelernte Arbeitskräfte auf der Suche nach Jobs in die Stadt drängten. Am 28. April 1873 entlud sich die Not in einem regelrechten „Brotkrawall“, der nach einer Nacht mit Straßenkämpfen und Verletzten auf beiden Seiten durch den Einsatz von Militär auseinandergetrieben wurde.

Die Schiffchen war dicht bebaut, eng, überbevölkert. Es war ein sozialer Brennpunkt mit latenter Gewaltbereitschaft und tätlichen Auseinandersetzungen. 1923 setzten die Bewohner die Umbenennung in „Wagemannstraße“ durch – nach jenem 1922 verstorbenen Brotfabrikanten, der außerdem Stadtältester und ein verdienter Lokalpolitiker war. Damit war man den übel beleumundeten Namen los, an der Sache änderte es nichts. Bis in die 1950er Jahre war die Wagemannstraße ein Rotlichtviertel. In den engen Gassen und Höfen gab es weder Licht noch Luft; die Menschen lebten unter katastrophalen sanitären und hygienischen Verhältnissen.

Die Antwort der Wirtschaftswunderjahre auf solche Herausforderungen lautete: Totalabriss. Im Auftrag des Magistrats erstellte der Städteplaner Ernst May ein Planungswerk, das 1963 unter dem Titel „Das neue Wiesbaden“ in Buchform erschien. Viele Wiesbadener denken mit Schaudern daran zurück; außer einigen „Traditionsinseln“ wäre nicht viel geblieben. Auch das Schiffchen sollte „platt gemacht“ werden zugunsten eines Parkplatzes für die autogerechte Stadt. Das erscheint absurd, war aber der Zeitgeist der frühen Nachkriegsjahre. Die Kommunalpolitiker wollten das neue Wiesbaden und wurden dafür gewählt.

Gerade noch rechtzeitig setzte das Umdenken ein. Die Jüngeren entdeckten die Innenstadt neu und bewahrten das Schiffchen vor dem Abriss. Die Häuser wurden saniert, die Höfe entkernt, Licht und Luft eingelassen. Neues Leben regte sich in den alten Gassen. Neben alten urigen Wirtschaften wie dem „Eimer“ oder gemütlichen Weinstuben wie dem „Weinhaus Kögler“ entstand eine quirlige Kneipen- und Restaurantszene. Die Menschen haben ihr Schiffchen bevölkert und die Gassen belebt; die „Italianisierung“ ist weit fortgeschritten. Kaum regen sich die ersten Sonnenstahlen, sitzt man bei Pasta oder Espresso draußen, notfalls – ökologisch nicht ganz korrekt – unter einem Heizpilz.

Nach den Veränderungen der letzten Jahre ist die Grabenstraße unter den Altstadtstraßen heute auf der Sonnenseite. Hier grenzte früher das Schloss der Herzöge zu Nassau mit seiner berühmten Reitbahn von Georg Moller an die Straße. 1960 wurde sie abgerissen und ersetzt durch das triste Plenarsaalgebäude des Hessischen Landtags. Seit 2005 ist dieses wiederum entsorgt, und viele sind erleichtert. Der Neubau hält sich wieder an die historischen Fluchten; die Altstadt hat einen einladenden Platz und das Darmstädter Architektenbüro waechter + waechter einen Preis gewonnen – zurecht!


Schwieriger ist die Situation in der Wagemannstraße – auf den ersten Blick. Das Weinhaus Caspari ist schon lange dicht; ein „Figaro“ konnte sich nicht halten. Die Arkaden im alten Haus Cetto sind vernagelt. Gegenüber findet sich seit Jahren kein Pächter für das „Schweijk“. Der Klotz der früheren Kaufhalle wirkt bedrückend – Stadtreparatur ist dringend angesagt. Der Wirt im „Alten Fass“ hat das Handtuch geworfen und ist abgewandert; die Pacht war zu hoch – demnächst soll ein Buchladen einziehen. Auf dem Plätzchen vor dem „Goldenen Brunnen“ stehen dieses Jahr keine Tische – auch hier sind zwei Lokale weiter gezogen.

Das alte Schiffchen macht einen Strukturwandel durch, den die Geschäftsleute und Anwohner durchaus begrüßen. Massenbetrieb geht hier nicht. Das Kleine, Feine, Spezielle und Liebevolle findet hier seine Nische. Es gibt viel versprechende Ansätze. Aber häufiger Wechsel tut nicht gut, langer Leerstand auch nicht. Er wirkt sich unmittelbar auf die Umgebung aus, und schafft Schmuddelecken. Das hat das alte Schiffchen nicht verdient. Aber das alte Schiffchen ist robust, es hat vieles überlebt.

Rainer Niebergall

Mit leichten Kürzungen abgedruckt in FRIZZ DAS MAGAZIN für Mainz, Wiesbaden und Umgebung, Mai 2010

Nachdruck, auch auszugsweise, nach Absprache und mit schriftlicher Genehmigung.


Rainer Niebergall – KulTour & Mehr
Stadtführungen, Stadtgeschichte, Planung, Organisation & Management

Mitglied im Bundesverband der Gästeführer in Deutschland e. V.
Taunusstraße 57 • 65183 Wiesbaden • Telefon 0611 507427 • Email: Info@KulTour-und-Mehr.de

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